Mahmut macht was Neues

Das «Limon» im Linsebühl war einer der ersten Kebabläden der Stadt und ist in 16 Jahren zur Institution geworden. Jetzt zieht sich Wirt Mahmut Özdemir zurück und überlässt das Restaurant seinem Sohn.

Von Roger Berhalter

Davon geredet hat er schon lange, jetzt ist es so weit: Mahmut Özdemir, Inhaber des Restaurants Limon, hört auf. Noch bis Ende Januar führt der Appenzeller das Lokal an der Linsebühlstrasse selber, danach übergibt er es seinem Sohn. Nicht, weil der Laden nicht mehr laufen würde, im Gegenteil: Seit über 15 Jahren zählt das «Limon» zu den beliebtesten Adressen in der Stadt. Aber Özdemir, der für alle einfach Mahmut heisst, möchte endlich das, was für viele selbstverständlich ist: Zeit für seine Familie und für seine Freunde. Das sei in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen. Das «Limon» hatte meist jeden Tag geöffnet, und Mahmut war fast immer da, von morgens bis abends. «Ich habe neun Tage pro Woche gearbeitet», sagt der 51-Jährige und lacht. Jetzt legt er erst einmal eine Pause ein. «22 Jahre in der Gastronomie sind genug.»

Das «Limon» ist in St. Gallen eine Institution. Im Jahr 2000 hat Mahmut es eröffnet. «Es war eine schwierige Strasse, damals», sagt er zur Lage im Linsebühl-Quartier. Einige Gäste hätten fast Angst gehabt, hier zu essen, am Rand des St. Galler Rotlichtviertels. Mahmut, in seiner typisch unbescheidenen Art, sieht sich deshalb als Pionier: «Nach mir hatten viele den Mut, hier ein Geschäft zu eröffnen.» Noch immer spazieren täglich viele Randständige und allerhand bunte Gestalten an seiner grossen Fensterfront vorbei. Doch fürchten müssen sich seine Gäste schon lange nicht mehr. Die Ecke Linsebühl-/Speicherstrasse im Stadtzentrum ist heute eine Kreuzung wie viele andere.

Die besten Falafel im ganzen Kanton

Das «Limon» hingegen ist noch immer einzigartig. Als es eröffnete, war es erst der dritte Kebab­laden auf Stadtgebiet. Heute gibt es laut Mahmut schon 65 davon. Dennoch sagt er: «Wir sind immer noch konkurrenzlos. Unsere Mezze-Teller sind weit herum bekannt, und unsere Falafel sind die besten im ganzen Kanton.» Soviel Selbstbewusstsein kommt nicht von ungefähr: Tatsächlich gibt es im «Limon» nach Meinung vieler Liebhaber bis heute den besten Kebab der Stadt, und auch die anderen türkischen und griechischen Gerichte auf der Karte können sich sehen lassen. Das «Limon» ist anders als die anderen Kebabläden und hat viele Trends nicht mitgemacht – zum Glück, möchte man ergänzen. Bei Mahmut gibt es keinen 24-Stunden-Betrieb und keine Dönerbox, kein Neonlicht und keinen plärrenden Pop aus dem Fernseher, keine Teenagerhorden und keine Dumpingpreise. Stattdessen findet der Gast ein stimmiges Ambiente mit Holztheke, gedämpftem Licht und türkischer Musik. Hier verkehren auch nicht nur Schüler, sondern ein älteres, eher links-intellektuelles Publikum, wozu nicht zuletzt das regelmässige Inserieren im Kulturmagazin «Saiten» beigetragen hat. Das «Limon» ist übrigens auch der einzige Kebabladen, der es bis jetzt in die Tagblatt-Restaurant-Rubrik «Zu Tisch» geschafft hat. Ein Zeichen für Qualität. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt ebenfalls – «und man wird bei mir auch satt», sagt Mahmut.

Mehr Zeit für Koi-Fische und Tauben

Für die Gäste wird sich vorerst nichts ändern, wenn Aydin Özdemir Anfang Februar das «Limon» übernimmt. Den 23-Jährigen mit den breiten Schultern und dem milden Lächeln dürften die meisten Stammgäste schon kennen, denn er hilft im Lokal mit, seit er ein Teenager ist. «Ich kenne den Laden in- und auswendig», sagt er und lacht. Er freut sich darauf, sein eigener Chef zu sein, und er hat auch schon Ideen für einige neue Gerichte, die er auf die Karte setzen möchte.

Sein Vater Mahmut freut sich auf eine Auszeit. «Jetzt kann ich das Appenzellerland geniessen», sagt der Türke, der im ausserrhodischen Bühler wohnt. Jetzt hat er auch mehr Zeit für seine eher exotischen Haustiere: Koi-Fische und Tauben. Im Gespräch wirkt Mahmut gelassen, fast erleichtert, und zufrieden sagt er: «Ich habe meine Ziele hier erreicht.» Dann muss er los, nach Hause, um «die Tauben ein bisschen fliegen zu lassen». Mahmut, der Taubenzüchter? Wer weiss. Vielleicht werde er aber auch «etwas mit Immobilien» machen, sagt er. Auf jeden Fall etwas Neues. Aber zuerst wird Mahmut nun einmal den Kopf lüften und «reisen, schauen, auf neue Ideen kommen.»

West-östlicher Limon

Premiere von Stefan Signers «I go to Turkey»

Das Restaurant Limon war Ort der Inspiration und nun auch der St. Galler Erstaufführung: «I go to Turkey» ist eine Liebeserklärung an die Türkei im Allgemeinen und an besagte Lokalität samt Wirt Mahmut Özdemir im Besonderen – allerdings mehr in Worten als in Tönen.

Von Markus Metzler

Eigentlich ist Zusammenrücken angesagt. Aber in gleichem Masse, wie der allzeit joviale Patron Mahmut Özdemir stets neue Stühle herbeizaubert, das schweizerisch-türkische Publikum auf engste Tuchfühlung zueinander geht, bleibt sich das Instrumentarium auf der kleinen improvisierten Bühne fremd.

Das Bild hat Symbolwert: hier dickbauchiges Schlagwerk orientalischer Provenienz und die schlankhalsige Saz, lautenartiges Basisinstrument fast aller türkischen Volksmusik, da Keyboard und akustisches Piano, dazwischen dräuen Verstärkeranlage und Mischpult – sie alle wollen sich nicht so recht näher kommen im Verlauf des Abends, weder räumlich noch musikalisch.

Hintersinnige Melange
Was von Komponist Stefan Signer alias Infrasteff so wohl auch beabsichtigt ist. Einmal, weil sich die dem Projekt ursprünglich zugrunde liegende « Limon Music Instrumental Extravaganza» für Sopran, Flöte und Klavier zum später dazugestossenen türkischen Trio, angesiedelt zwischen Volksmusik und Schlager, als wenig kompatibel erweisst, zum anderen, weil Infrasteff sein Werk überhaupt vor jeglichen modischen Cross-over-Einflüssen sorgsam abschirmt. Die gibt es, selbst wenn es auf den ersten Blick anders scheinen mag, auch nicht in den Texten und den Ansagen zur Musik, die Signer in der Rolle als Conferencier, Kommentator und Reiseleiter in einem mit perfektem anatolischem Dialekt mehr liebeswürdig denn karikierend vorträgt. Deutsches, Türkisches, Englisches verschmelzen in den verschiedensten Färbungen zur hintersinnig-komischen Melange.

Fremdenführer-Plattitüden
Eine gewisse Ähnlichkeit zu den Eindrücken, wie sie den Zugereisten nach dem siebten Raki zu vorgerückter Stunde in einer schwülen Bosporusbar befallen mögen, ist in «I go to Turkey» vielleicht sogar beabsichtigt: Reales mischt sich mit frei Assoziiertem, Klischiertes mit sanft Surrealistischem. Dem «Handymaschin» kommt dabei zentrale Bedeutung zu, wenn er in «Nedir mutluluk? (Was ist Glück?)» die Distanz zwischen Trabzon und dem «Restorant Limon » schwinden lässt, in «Hep üzgünüz (Oft traurig)» die Stimme der Liebsten in die Weiten der Steppe holt. Natürlich dürfen auch die dunklen Schnauzbart-Männer, die den holländischen Touristinnen näher zu kommen trachten, nicht fehlen, und zum Höhepunkt geraten die «Lowbrow Snacks», in denen sich poetische Beschreibungen der Schwarzmeerlandschaft mit absurden Fremdenführer-Plattitüden in immer schnellerem Wechsel ablösen.

Sinnliche Volksmusik
Und die Musik? Kantig ist sie, schwer einzuordnen zwischen Bartók, Stawinsky, Jazz und einer spitzig-listigen Klanglichkeit, die auf Transparenz und Überschaubarkeit zielt und einen doch jederzeit in ihren Bann schlägt. Orientalische Einflüsse sind als Spurenelemente auszumachen, etwa in den fliegenden Melodien, welche die Sängerin Jennifer Davison souverän meistert, oder im rhythmisch intrikaten Wechselspiel von Flöte (Klaus Durrer) und Klavier (Danrew Dunscombe), das die beiden Instrumentalisten als ebenso sattelfest wie durchschlagskräftig ausweist. Dagegen öffnen Feti Neco, Nuro Canbegi und Tayfun Korkmaz den Himmel, wenn die keyboardgestützten, silbrigen Klänge des Saz und die kunstvoll gekräuselten Melodien des Sologesangs mehr als nur eine Ahnung von der Sinnlichkeit echter Volksmusik verbreiten. Selbst wenn sie auf Deutsch singen, verliert ihre Musik weder an Eigenständigkeit noch an Ausdruck. Der Reaktion der türkischen Gäste war es jedenfalls anzumerken: Der Heimwehfaktor, in Signers Stück eher mit Charme und Ironie verbrämtes Beiwerk, kommt hier voll zum Tragen.

Mittelmeer-Stimmung bieten

Neues Restaurant « Limon » an der Linsebühlstrasse 32

«Limon » heisst das neue Restaurant im Linsebüelquartier, das sich auf Essen und Trinken aus dem Mittelmeerraum spezialisiert hat. Geführt wird es von Mahmut Oezdemir und Cristina Genova.

Von Daniela S.Herman

«Unser Ziel ist es, die besondere Stimmung der mediterranen Welt den St. Gallern näher zu bringen», sagt Mahmut Oezdemir, Besitzer des Restaurants und ein passionierter Koch, der seine Gäste persönlich betreut. Mit der Eröffnung des Restaurants habe er sich seinen grössten Wunsch erfüllt.

Die Speisekarte umfasst typische Gerichte aus der Türkei, aus Italien, Griechenland und dem Maghreb. Eine seiner Spezialitäten ist das selbst gebackene Brot. Zum Angebot gehört ein türkisches Frühstück mit Oliven, Fetakäse, Tomaten, Gurken und frisch gebackenem Brot. Reiche Auswahl an Tee-, Kaffee- und Milchgetränken sowie frischer Apfelsaft gehören dazu. Döner Kebab, Lahmacun, Falafel, Börek, Taboulé und verschiedene Pizzas stehen auf der Speisekarte, griechische, italienische und türkische Weine auf der Weinkarte.Oezdemir legt Wert auf Frischprodukte. Die Preise sind moderat. «Ich möchte, dass das Lokal zu einem Quartiertreffpunkt wird, wo sich jeder wohl fühlt.» Ihn selber habe ein langer Weg von der Türkei über Norwegen nach St. Gallen geführt, wo er seit zehn Jahren lebt. Der ehemalige Imbiss «Sindbad» sei ideal für ein Restaurant: gute Lage, grosse Schaufenster, viel Licht. Das Lokal wurde komplett umgebaut, nach Mass in dunklem Holz eingerichtet. Die Ornamentik an der Theke und den Wänden stammt aus Marokko. Seinen Namen verdankt das Restaurant den Zitronen (Limonen), die in all den Ländern blühen, die «Limon» kulinarisch verbinden möchte.

Via Kebab zurück zur Musik

Zur Komposition «I go to Turkey» inspirierte Stefan Signer vor allem das St.Galler «Ristoran Limon»

Zehn Jahre lang dauerte die kompositorische Auszeit von Stefan Signer alias Infrasteff. Jetzt meldet er sich mit einer «instrumentalen Extravaganz» zurück. Premiere ist heute in Luzern.

Von Andreas Stock

Gut möglich, dass er einem im Restaurant «Hintere Post» schon einmal die Pasta serviert hat – Stefan Signer ist im Speiselokal seit über fünf Jahren für den Service-Bereich verantwortlich. International einen Namen machte er sich allerdings als Infrasteff in den 70er- und 80er-Jahren – als eigenwilliger Musiker sowie Komponist, als Pendler zwischen Rock und Kammermusik. Bekannt wurde er zunächst mit verschiedenen Rockformationen, berühmt mit seiner kultigen Red Devil Band: illustre Namen wie Hanspeter Spörri (heute Chefredaktor der Zeitung «Der Bund»), Bo Katzman (ja, der «Chorknabe») oder Billy Cobham rockten zeitweilig in dieser Band mit.

Lust vergeht und kehrt zurück
Die musikalische Vita Infrasteffs aufzuführen wäre seitenfüllend; beim Blick aufs umfangreiche Werkverzeichnis mit Vokalwerken, Kammermusik, Jazz- und Rockkompositionen fällt das abrupte Ende der Liste im Jahr 1992 auf: «Es war schon seltsam», erinnert sich Stefan Signer, «ich bin eines Tages aufgewacht und mochte nichts mehr von meinen Sachen sehen und nichts mehr vom Musikschreiben wissen». Nullbock habe er verspürt. So hat er «zehn Jahre auf der anderen Seite des Zauns» gearbeitet – bei der Organisation von Musikprojekten anderer. Musik habe er nur noch für seine Tochter gemacht: Schlaf- und Kinderlieder. Doch so plötzlich, wie das «Kribbelgefühl» verschwunden war, so unerwartet meldete sich die Lust zum Komponieren im Januar dieses Jahres zurück: «Ich bin an den Computer gesessen und habe Ideen notiert, mit denen ich schwanger ging». Und was hat ihn zur neuen Komposition «I go to Turkey» inspiriert? «Seit ich mit Zwölf Klavierspielen lernte, faszinierte mich die arabische Musik. Aber auch die spezielle Atmosphäre von Fastfood-Lokalen, von Diners und Snackbuden, hat meine Fantasie stets beflügelt», erzählt er. Reisen nach Südanatolien und die Erlebnisse in türkischen Imbissbuden, dort sowie hier in der Schweiz, bildeten dann die Grundlage für die Themen des Stücks. Besonders inspirierend seien vor allem die Aufenthalte im «Ristoran Limon», dem türkischen Lokal an der Linsebühlstr. 32 gewesen. «Es sind alltägliche kleine Geschichten und Beobachtungen, aus denen ich Szenen entwickelt habe», beschreibt Stefan Signer sein neues Werk, «für mich ist es wie Musik zu einem Film, den es nicht gibt».

Groovige Kammermusik
Heute wird im Marianischen Saal in Luzern «Part 1» der «Limon Music Instrumental Extravaganza» für Sopran, Flöte und Piano uraufgeführt. Als eine Art «groovige Kammermusik», beschreibt Signer die dreiteilige Komposition, die er noch ausbauen möchte. Wie frühere Infrasteff-Musik lässt sie sich nicht schubladisieren, verschmelzen Rock, Jazz sowie die Liebe zu Strawinsky und Zappa ineinander. Der musikalische Autodidakt, «aufgewachsen zwischen Strawinsky und den Beatles» – so steht es in einem Schweizer Komponisten-Verzeichnis – pflegt wohl auch diesmal wieder die Neigung «zum Experiment, zum Unorthodoxen», wie es dort weiter heisst. Die Freude an kabarettistischen, ironischen Interpretationen findet sich auch in «I go to Turkey», dessen Texte – in türkisch, englisch und deutsch – Signer einerseits in Christoph Ransmayrs Roman «Die letzte Welt», andererseits in türkischen Reiseführern fand. «Auftritt der Schnauzbartmänner mit dunkler Teint und piepsender Handies» heisst es da beispielsweise bewusst orthografisch falsch. Er wolle sich beileibe über nichts und niemanden lustig machen, betont Signer dazu. Es sei vielmehr eine süffisant-charmante und ironische Liebeserklärung an ein bestimmtes Milieu. Dass die Premiere des neuen Werks in Luzern stattfinde, habe einerseits mit den Musikern zu tun; andererseits, gesteht der 51-Jährige ein, wolle er es nach so langer Auszeit auch etwas vorsichtig angehen. «Natürlich ist eine Aufführung der ‘Limon Music’ in St.Gallen vorgesehen», verspricht Stefan Signer. Und freilich schwebt ihm dieses Konzert im Lokal an der Linsebühlstrasse vor.

Ein Comeback schlägt Wellen

Ein türkisches Restaurant als Inspiration – und demnächst Aufführungsort

Das Comeback des Musikers Stefan Signer alias Infrasteff mit der Komposition «I go to Turkey» soll Ende März im St. Galler Restaurant Limon zu erleben sein.

Von Andreas Stock

«Der Artikel vom 11. November hat eingeschlagen wie ein Meteor. Noch selten habe ich so viel Resonanz erfahren», hatte Stefan Signer per Mail geschrieben. Was ist geschehen? «Der Text über mein Comeback als Infrasteff mit der Komposition ‘I go to Turkey’ hat unerwartet grosse Eigendynamik bekommen», erklärt er am Telefon. Im Restaurant Hintere Post, wo er arbeitet, hätten dann beispielsweise Gäste gesagt: «Wir kommen beim Künstler essen.»

Zur Erinnerung: Nach einer kreativen Pause von zehn Jahren hatte sich Stefan Signer wieder ans Komponieren gemacht: Entstanden ist der erste Teil eines Musikstücks, das sich um Menschen und Begegnungen in türkischen Restaurants dreht. Neben eigenen Reiseerlebnissen in der Türkei diente Signer vor allem das Restaurant Limon an der Linsebühlstrasse als Inspiration.

Bericht in türkischer Zeitung
«Der Mahmut Özdemir weiss gar nicht mehr so recht, wie ihm geschieht», sagt Stefan Signer. Sehr oft sei der « Limon »-Wirt schon gefragt worden, wann «I go to Turkey» aufgeführt werde. Ausserdem habe ein türkischer Journalist den «Tagblatt»-Artikel aufgegriffen und für die Zeitung «Hürriyet» einen Beitrag über das « Limon » geschrieben, das Thema eines Musikwerks werden wird. «Die Komposition wird auch als ein Beitrag zu den türkisch-schweizerischen Beziehungen verstanden», sagt Signer. Und so sei es mittlerweile zu einigen interessanten menschlichen Begegnungen gekommen. Das wirkte sich auch auf die Musik von Infrasteff aus, der nun Einflüsse der Popmusik aus der Südtürkei sowie der türkischen Ethnomusik aufgenommen hat: «Ich habe soeben eine Art türkischen Popsong über das ‘Limon’ geschrieben», verrät er.

Es wird eng
Sehr zufrieden war Stefan Signer mit der Uraufführung eines ersten Satzes seiner Komposition für Sopran, Flöte und Klavier, die anfangs November in Luzern im Rahmen eines Kammermusikabends zu hören war. «Die Leute haben geschmunzelt und zwischendurch gar gelacht, was man sonst ja kaum in einem solchen Konzert erlebt», freut sich der Musiker. Er ist noch immer damit beschäftigt, das Werk fertig zu komponieren. Zeitlich wird es ziemlich eng – die Aufführungen in St. Gallen sind für den 28./29. März vorgesehen. «Zum Einstudieren mit den Musikern bleibt da wenig Zeit.» Räumlich eng dürfte es auch im «Limon» werden, denn allzu viel Platz hat es im türkischen Lokal nicht.

Mit Infrasteff in die Türkei
Musikalische Extravaganzen im Restoran Limon

In den Siebziger und Achtziger Jahren machte sich Stefan Signer alias Infrasteff mit unzähligen Formationen einen Namen als Querdenker zwischen U- und E-Musik. Nach zehnjähriger Funkstille steht er nun wieder auf der Bühne. Oder präziser: Im Restoran Limon.

Von Kaspar Surber

skater people order lowbrow snacks
a man in black outside sells his crack
a Chinese girl asks for a cheap place to stay
cosmopolitan greeting all day
Mahmut smiles and looks outside
caresses his handy with full delight
this takes places at the hottest place in town
LIMON RESTORAN

Wer sich nichts- oder zumindest wenig ahnend auf ein Gespräch mit Stefan Signer über dessen musikalische Vergangenheit einlässt, dem tun sich bald Falltüren auf, und kaum in eine solche hineingestürzt, reissen gleich auch noch die wenigen musiktheoretischen Sicherheitsstricke: Was um alles in der Welt ist INFRA STEFFS GROSSER SAMSTAG ORCHESTER? Wer wirkte alles in INFRA STEFF’S RED SANDWICH COMBO mit? Wie genau tönt ORCHESTRAL SNACK MUSIC? Und was um Himmels Willen ereignete sich am SPÄTEN NACHMITTAG IM PARADIES?
Weil man zur ausführlichen Erklärung all dieser Formationen und Begriffe mindestens ein ganzes Heft brauchen würde und weil es hier mehr um Infrasteffs Zukunft denn um seine Vergangenheit geht, mag eine Kurzformel genügen: Signer, 1951 in Hundwil geboren, musikalisch zwischen Strawinsky und den Beatles aufgewachsen und später von Frank Zappa geprägt, dominierte mit seinen Formationen, die vor allem durch ihre konzeptionelle Arbeit bestachen, mehr als ein Jahrzehnt die Schweizer Rockszene. Zugleich befasste sich Signer mit den Komponisten der Moderne und zog sich selbst in den Achtziger Jahren immer häufiger das Komponistenjackett über: Er komponierte seriöse Kammermusik und Orchesterwerke, baute zudem die Musikförderung der Migros mit auf – bis er musikalisch 1992 von einem Tag auf den andern den Stecker zog. Es gäbe Probleme im Leben, die man mit sich herumschleppe und denen man sich irgendwann stellen müsse, erinnert sich Signer. Nun, beinahe ein Jahrzehnt später, kehrt Infrasteff zurück. «Es gibt irgendwas, was einem Musik machen lässt. Das war 1992 plötzlich weg, nun ist es wieder da.»

I go to Turkey
Anfangs des letzten Jahres begann Signer wieder zu komponieren, und was dann passierte, hört sich ein wenig an wie ein Märchen, wie ein türkisches genauer: Inspiriert von den Aufenthalten in türkischen Imbissbuden und seinen Reisen ins Land am Bospurus stellte er sein neues Werk unter den Titel «I go to Turkey» und schrieb dazu Texte, die er beim Warten auf den Kebap aufschnappte und aus Reiseführern zusammenzog. Am 11. November konnte von befreundeten Musikern in Luzern bereits der erste Teil der «Limon Music Instrumental Extravaganza» aufgeführt werden. Als Signer gleichentags dem St.Galler Tagblatt erklärte, dass ihn das Linsebühl-Lokal Limon am meisten zur Komposition inspiriert habe und er das Werk folglich, wenn in St.Gallen, dann am liebsten dort aufführen würde, kam plötzlich unerwartete Dynamik ins Projekt. Mahmut Özdemir, der Betreiber des Limon, war sofort von der Sache begeistert und unterstützte Infrasteff fortan mit Rat und Tat. Eine türkisches Trio, das neben den Kammermusikern das Werk aufführen soll, wurde aufgetrieben, das Stück immer weiter ausgebaut, eine Aufführung ins Auge gefasst, billig-bunte Plakate gedruckt – und zuguterletzt erschien sogar im türkischen Massenblatt «Hürriyet» ein Bericht über die Geschichte.

Aufführung Ende März
Worum genau geht es nun im neuen Stück? Zur Beantwortung dieser Frage, zieht Signer noch einmal sein, wie er es nennt, «früheres Leben» herbei. «Damals drehten sich viele unserer musikalischen Projekte um das Wort ‘Gas Station. Anfänglich, Ende der Sechziger Jahre, in Zeilen wie ‘I gonna work no more at the Gas Station’, hat die Tankstelle als Projektionsfläche für den Zorn auf die Industrie gedient. Später dann, etwa im Album ‘More Music from the Gas Station’ ist die Tankstelle – als Ort der Ruhe und Einkehr im Hopperschen Sinn – zu einer positiven Referenz geworden.» Ganz ähnlich sei es nun mit der Floskel «I go to Turkey». Sie eigne sich überraschend gut, um daran eigene Sehnsüchte, aber auch gesellschaftliche Veränderungen festzumachen. Die selbstbewussten Gastarbeiter am Handy, die Völkervermischung, ein Hauch von grosstädtischem Leben, all dass kann ins Werk eingeschlossen werden. Die Begeisterung in und ums Limon ist Beweis genug, dass Signer mit seiner neuen Arbeit tatsächlich den Nerv der Zeit getroffen hat: Dass das kleine Limon bei der Aufführung gerammelt voll sein wird, ist schon jetzt klar. Und dass das Projekt weitergeht, ebenfalls: Bereits hat sich eine St.Galler Band bei Signer gemeldet, welche den eingangs zitierten Limon-Song, der nicht mehr in die Aufführung eingebaut werden konnte, in ihr Repertoire aufnehmen will.

«Limon»-Netz – wer webt mit?

Nächste Woche ist Premiere von Stefan Signers «I go to Turkey» – es soll der Auftakt zu weiteren Projekten sein

Wenn «I go to Turkey» am 28. März Premiere feiert, soll das der Anfang von weiteren Infrasteff-Projekten sein. Nun sucht Stefan Signer für seine orientalisch-westlichen Crossover-Ideen noch Musiker.

Von Andreas Stock

«Ich bin auf eine Ader» gestossen, sagt Stefan Signer und meint damit sein Infrasteff-Projekt «I go to Turkey», das nächste Woche Premiere im Restaurant «Limon» feiert . Die Ader, das ist die türkische Kultur, die beim Musiker nach zehn Jahren Schaffenspause (Tgbl. vom 11.11.02) einen kreativen Schub ausgelöst hat. Denn die neue Komposition ist das erste Resultat seiner musikalischen Schürfungen zwischen westlichen und orientalischen Klangwelten. Signer hat bereits Ideen und Material für weitere Projekte: Er möchte ein türkisches Orchester auf die Beine stellen und ein eigentliches «Limon»-Netzwerk aufbauen.

Vom Trio zum Orchester
Beim «I go to Turkey»-Konzert musiziert ein Kammermusik-Trio zusammen mit einem türkischen Trio aus Rheinfelden. Aus dem «Trabzon Express» genannten Trio soll dann das «Trabzon Orchestra» entstehen – mit rund einem Dutzend Musikern sowie Bauchtänzerinnen. Signer musste nun aber die Erfahrung machen, dass es schwierig ist, türkische Musiker zu finden – obwohl er mit dem «Limon»-Wirt Mahmut Özdemir einen Freund und Vermittler zur Seite hat. «Eines der Fragezeichen der türkischen Musiker betrifft den deutschen Gesang», sagt Signer. Da brauche es zuerst Vertrauen; ein Schritt dazu soll das « Limon »-Konzert leisten. Stefan Signer hofft danach möglichst bald türkische oder auch türkisch-ähnliche Musiker in der Ostschweiz zu finden, die Lust haben, beim «Trabzon Orchestra» mitzuspielen.

«Limon»-Songs
Eine zweite Idee, für die Signer Mitwirkende sucht: das «Limon»-Netzwerk. «Ich habe eine Schublade voll mit Rohlingen, mit Kompositions-Skizzen, die andere Bands sich aneignen und spielen können». Die Band Super 8 hat so einen Infrasteff-Song übernommen und wird ihn demnächst vorstellen. Freuen würde sich der Herisauer, wenn zusammen mit weiteren Bands, Musikern und Sängern ein Netz von Songs gewebt werden könnte. «Mir geht es nicht ums ‘Limon’», präzisiert Signer, «sondern um die spannenden kulturellen Verbindungen, die man in diesen Imbisslokalen findet»; und er schwärmt von der türkischen Musik: «Sie ist sehr bluesig und schleicht sich sofort in die Seele.»